E-Mail des Architekten Friedhelm Schubring an den Verein
 
Sehr geehrte Frau Faude,
sehr geehrter Herr Huber,

Sie glauben ja nicht, wie ich mich gefreut habe, als ich nach ein paar Tagen Urlaub jetzt am Wochenende in der Post die beiden Zeitungsausschnitte gefunden habe, die mir gute Freunde und Bekannte geschickt hatten.

Vielen Dank für Ihre Zeilen. Ich wollte mich auch gleich bei Ihnen melden, es war dann aber in den letzten Tagen zu viel zu tun.

Ich habe mir Ihre Internetseite angesehen und gratuliere Ihnen dazu. Sie ist ausführlich informativ.

Es ist für mich als Architekten dieses Pavillons eine große Freude, dass dieses Bauwerk, das so viele Jahre, ja fast von Beginn seiner Existenz an, mehr oder weniger ungeliebt vor sich hin gammelte, jetzt, durch Ihren Verein, endlich mit Leben erfüllt wird.

Seine Entstehung in einer Zeit mit nur marginalen Handwerkerkapazitäten ist sowieso ein Wunder.

Damals war das Paradies durch jährlich stattfindende und sehr beliebte Paradiesfeste sowie durch den Bau der Fernheizungsleitung völlig heruntergekommen.

Im "Büro für Städtebau und Architektur beim Rat der Stadt Jena", deren Mitarbeiter ich seinerzeit war, wurde dann die Initiative entwickelt, das Paradies wieder auf "Vordermann" zu bringen:
Das Paradiescafé wurde renoviert und mit neuen Außenanlagen, den runden Terrassen versehen, der Bootsanlegesteg an der Saale wurde komplett erneuert und neue Boote angeschafft, in der Nähe des Paradiescafés habe ich eine neue öffentliche WC-Anlage, eine überdachte Kegelbahn und auch den Pavillon - jetzt Ihr Glashaus - geplant und die Bauausführung überwacht.

Gedacht war dieser damals schon für die Funktionen, denen er heute durch Ihren Verein dienen soll.

Aber einen hintersinnigen zusätzlichen Gedanken hatten wir auch noch. Es war eine Zeit, in der wir gern gemeinsam feierten, redeten, viel tranken und tanzten. Räumlichkeiten dazu waren nicht vorhanden. Man konnte zwar in ein Restaurant gehen, war dort aber nie allein und musste für zu Verzehrendes Gaststättenpreise bezahlen. Zu Hause war bei niemandem genug Platz und man musste auf die Nachbarn Rücksicht nehmen, ebenso im Büro. Solch ein Gebäude jedoch war ideal auch für private Feiern! Man brachte alles mit, was benötigt wurde, hatte eine kleine Küchenzeile zur Verfügung und auf der teils überdachten Terrasse einen Sockel (ich habe ihn von meinem Vater abgeguckt) für den Grill und das Abstellen der Utensilien. Und dann keine Anwohner in der Nähe, die sich über die zu laute Musik oder den Geruch von Gegrilltem beschweren würden, viel Platz auf der Terrasse und den phantastischen Blick in die herrliche Buche mit den herabhängenden Zweigen in Richtung Teich, die wir beim Bau trotz Mühen völlig unversehrt erhalten konnten und von der ich hoffe, dass sie noch immer ihre Zweige auf die Terrasse senkt.

Die Abteilung Kultur beim Rat der Stadt Jena hat den Pavillon dann übernommen und als Abstellraum für Möbel genutzt, grässliche Gardinen hinein gehängt und vergammeln lassen. Für den Ausleihraum der Geräte für die Minigolfanlage gab es kein Personal, genau so wenig wie für das WC Nähe Paradiescafé, und so wurde beides so gut wie nie benutzt. Dass man den Pavillon hätte nutzen können, wusste kein Mensch und es wurde auch nicht bekannt gemacht. So blieb er eben ungenutzt. Schade drum!!!

Die klassische Moderne hat mich natürlich ganz maßgeblich bei dem Entwurf beeinflusst. 1970 hatte ich in Weimar mein Architekturstudium beendet und war, wie jeder "Weimeraner", ein Fan von Gropius, Mies und Richard Neutra. Letzterer hatte mich ganz besonders beeindruckt, mit seiner Art, in der kalifornischen Wüste und in der Nähe von Los Angeles Villen zu bauen. Von ihm sind auch die "Spinnenbeine" übernommen (auch bei der Kegelbahnüberdachung), die sehr deutlich erkennen lassen, welche Elemente der Konstruktion stützen und tragen.

Über den Bauablauf gibt es auch einige Anekdoten zu berichten. Z.B. kam der große Doppel-T-Träger verzogen auf die Baustelle. Gerichtet wurde er mittels DDR-Erfindergeist. Man legte ihn dort auf den asphaltierten Weg und fuhr ein paar mal mit dem LKW längs darüber.
Oder die geklebte Ecke der beiden Scheiben, die jetzt durch Holzplatten ersetzt sind: Der Glaser wollte mir klar machen, dass es nicht möglich ist, so etwas auszuführen. Also habe ich Ihn an seiner Handwerkerehre gekriegt (damals gab es so etwas noch) und ihm erklärt, im Westen ginge das auch und außerdem hat man früher einem Handwerker eine Skizze auf eine Zigarettenschachtel gemalt und danach hat er es gebaut. Das hat gewirkt. Er hat sich ins Zeug gelegt und tatsächlich die geklebte, rahmenlose Fensterecke hingekriegt.

Und überhaupt: Die Handwerker haben diesen Bau sozusagen als Visitenkarte Ihrer Zunft verstanden, mit Zögern anfänglich, aber dann doch mit Hingabe. Und ich bin dankbar, dass ich das in einer Zeit von Plattenbau und Industrialisierung des Bauwesens erleben durfte. Es ist ein schönes Bauwerk geworden und ich hoffe, dass es auf Grund Ihrer Initiative den Menschen noch lange dienen wird.

Ihrem Schreiben, der Website und den Zeitungsartikeln entnehme ich, dass Sie gründlich recherchiert haben und die Unterlagen kennen.

Ich habe von dem Bauvorgaben einen ganzen Ordner mit allen Plänen, Berechnungen und Beschreibungen. Für den Fall, dass Sie bestimmte Unterlagen benötigen, setzten Sie sich bitte mit mir in Verbindung.

Mit freundlich Grüßen

Friedhelm Schubring
(und es gibt zum Glück keine Namensgleichheit, Sie haben den richtigen erwischt.)

 
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